DORFSCHÖNHEIT (1)

1.
Sie weiß, sie hat zuviel getrunken. Trotzdem ist das, was da zweieinhalb Meter vor ihr im Scheinwerferlicht liegt, ein Papagei. Es ist die Nacht vom 16. auf den 17. November. Der Papagei liegt auf einem dünnen Tuch Schnee.
„Fahr mich zurück“, sagt sie zu dem Mann am Steuer. Er aber starrt auf den schwimmbadgrünen Vogel, der die Krallen wie Knoten an den Leib gezogen hat.
“Er friert”, sagt sie.
„Er ist tot”, sagt er.
„Das führt hier zu nichts. Laß uns wenden.“
„Das führt hier nach Hause.” Er zeigt auf den Wegweiser unter dem Schild Bischwiller. Sesenheim ist noch zweiundzwanzig Kilometer entfernt. Eine Hand auf seinem Bein, stößt sie die Tür auf.
„Fahr zurück, sonst …”
“Wegen dem Vogel?” Er zündet sich eine Zigarette an. Dabei schiebt er das Kinn vor, und die Zigarette steht im spitzen Winkel zum Gesicht. Sie reagiert auf ihn, auch wenn sie gar nicht gemeint ist. Schön, dieser Mann. Was er nebenbei tut, liest sie gern als Vorspiel. Hoffentlich hört er nicht auf zu rauchen, solange sie sich kennen. Auch ihre Spülmaschine räumt er seit fünf Monaten ein, aber unregelmäßig.
„Fahr zurück.“
„Ach Fede.“ Seine Stimme greift in ihren Nacken, in ihren Bauch, “ach Fede, wegen dem komischen Vogel?”
Reden wir jetzt miteinander? hat er an jenem Sonntag abend vor sechs Monaten gefragt, während sie schlecht gelaunt und noch schlechter angezogen, auf eine Musikband mit Cowboyhüten starrte, die auf dem fast leeren Marktplatz von Sesenheim gegen Nieselregen und Dunkelheit anspielte. Es war kurz vor elf, Ende Mai, und das Schützenfest war bis auf ein paar verlorene oder betrunkene Seelen bereits den Sägespänen überlassen. Jemand setzte sich auf den freien Barhocker in ihrem Rücken und sagte lange nichts. Die Band kündigte eine Zugabe an, nach der niemand verlangt hatte. Eine ziemlich junge Männerstimme räusperte sich noch mal.
“Hallo, reden wir jetzt miteinander?”
Sie drehte sich um und sagte “Nein”, und noch während sie wegschaute, dachte sie: Scheiße, ist der hübsch. Sie drehte sich noch einmal um.
“Sagen Sie mal, gehen Sie noch zur Schule?”
“Wieso, bist du etwa Lehrerin?”
Drei Stunden später stand er rauchend an ihrem geöffneten Fenster. Verwöhnt, dachte sie, vielleicht teilnahmslos, vielleicht feige. Sie benannte seine Eigenschaften am ersten Abend, um sich später darum nicht mehr kümmern zu müssen. Er hatte ihr Rad vom Schützenfest nach Hause geschoben, und sie auf einer Bank bei der Kirche schlecht geküßt. Clemens, vierundzwanzig, sicher gefiel er den Frauen. Ihr auch.
Dann ist es November geworden.
Sie schaut Clemens neben sich im Wagen an. Abends, wenn sie sich sehen, spricht er nicht viel. Er schaut sie nur an, vielleicht erstaunt, daß sie sich kennen. Er ist jung, fünfzehn Jahre jünger als sie, und was sie sich in der Nacht hinüberreichen, nennen sie nicht Liebe
„Los, fahr mich zurück.“ Fede wippt mit dem rechten Fuß gegen die geöffnete Beifahrertür.
„Laß uns nach Hause fahren. Es ist kalt”, sagt er. Sie starrt auf den Papagei, dann auf die Tannen am Straßenrand. Die Nacht ist klar und streng. Sie fragt sich, wann er zu Ende geraucht haben wird, und was er dann tut. In der Ferne kann sie die Lastwagen hören, die über die Autobahn fahren. Der Sternenhimmel über ihnen ist so weit, daß sie gar nicht hinschauen mag. Der Himmel ist eine große Einsamkeit. So etwas merkt Clemens nicht.
Die Nacht nach dem Schützenfest hat er auf ihrem Teppich zwischen zwei roten Wolldecken verbracht. Sie hat gesagt, sie lasse keinen Mann in ihr Bett. Er hat gefragt, wieso, bist du verheiratet? Bevor sie am Montag morgen zur zweiten Schulstunde gegangen ist, hat sie sich zum ihm gelegt. Keine Liebe, nur eine Liebesgeschichte, vielleicht nur eine Geschichte, hat sie festgelegt, als sie zehn Minuten später auseinanderrollten. Sie hat eine Schürfwunde am Rücken gehabt, vom Teppich. Er ist mit dem Finger dort entlang gefahren. Hat Baustellezu der Wunde gesagt. Er hat die Stelle geküßt: Das kommt davon, wenn du einen nicht im Bett haben willst! Und ihr Herz hat aus einem langsamen Leben heraus schneller zu schlagen begonnen.
Clemens schnippt mit geschlossenen Augen die Zigarette aus dem Fensterspalt.
„Ich will nach Hause.”
„Deine Mama wartet wohl?”
Er arbeitet bei einer Lebensversicherung in Straßburg und lebt bei seiner Mutter, oben unterm Dach, in einem zweistöckigen Haus an der Straßenkreuzung nach Drusenheim und Soufflenheim. Unten im Haus ist rechts ein Geschäft für Alimentation, das betreibt seine Tante. Links das Geschäft für Bonneterie gehörte seiner Mutter. Die Frauen sind Schwestern. Die Mutter läßt die Schaufensterbeleuchtung die ganze Nacht brennen, die Tante nicht. Die Tante ist die ältere. Clemens hat Fede das Haus einmal auf dem Rückweg vom Kino gezeigt, vom Auto aus, und dabei in seinem Vertreteranzug neben ihr gesessen, in dem er noch jünger aussah als er wirklich war.
„Das da oben ist mein Zimmer.”
In sein Dachfenster hinein wächst der dünne Arm einer Glyzinie und hält sich dabei an einem roten Regenrohr fest. Das hat sie gesehen, bevor sie am Bankautomaten gegenüber seinem Haus eilig siebenhundert Francs zog und, zurück auf dem Beifahrersitz, die Scheine gleich nachzählte, obwohl er zum ersten Mal von sich erzählte. Er hat die brennende Zigarette auch damals aus dem Fenster geschnippt und aufgehört zu sprechen. Einen Augenblick lang sind sie still gewesen. Dann hat er gelacht.
„Egal.“
Es war ihm wirklich egal, denn er hatte dank ihr ein Rätsel mehr in seinem Leben gelöst. Wie bekomme ich eine Frau ist Bett, die immer alles besser weiß? Und ein paar Nächte später hat sie von seinem Fenster aus auf den Bankautomaten geschaut
„Fahr mich zurück“, sagt sie ein drittes Mal.
„Das führt doch zu nichts”, sagt er.
„Das führt nach Straßburg”, sagt sie.
Ich werde mich ganz vorn hinsetzen, hat sie gedacht, als sie schließlich die Postkarte in die Tasche schob. Das ist vor einer Woche gewesen. Sie hat das Gartentor mit der Hüfte geschlossen, während sie sich die Handschrift ansah. Das war er, diese Schlingen an den Buchstaben, die sich nach oben und unten auf das Papier warfen. Erst las sie die Schrift, dann las sie die Nachricht, während sie langsam durch den Garten Richtung Kellereingang ging, um den Kittel hinter der Tür aufzuhängen. Sie, Ende Dreißig, blond und Dorfschullehrerin in Sesenheim an der Moder. Als sie nach dem Studium ins Dorf zurückkam, starb gleich der Vater. Die Mutter schüttelte drei Wochen lang den Kopf und ihre Stimme wurde immer lauter, bis auch sie starb. Das war im Frühling vor fünfzehn Jahren. Sie, Fede, ist im Ort geblieben. Seit dem Tod der Eltern hat sie deren Haus an ein kinderloses Lehrerpaar aus Karlsruhe vermietet. Die kommen am Wochenende. Schaut Fede im Haus der Kindheit nach dem Rechten, zähmt und gießt sie den Garten, leert sie die Mausefallen, dann zieht sie dabei den blauen Kittel der Mutter an und hängt ihn nach zwei Stunden wieder hinter die kleine Tür zum Garten, an den türkisfarbenen Haken, der früher einmal zu hoch für sie war. Wenn sie dort ist, hört sie manchmal, mit dem Rücken an jene kleine Tür gelehnt, das Herz in sich schlagen, und zählt mit, was in ihrem Leben nicht war. So taucht dann am Ende eines Nachmittags, in einem geschlossenen Raum, der nach altem Obst riecht, in einem kleinen Ort namens Sesenheim jene schwarze unversöhnliche Einsamkeit auf, die eigentlich nur im All wohnt. Dann lehnt sie da und meint, es gibt sie schon nicht mehr. Es gibt sie nur noch für die anderen.
Ja, ihr Leben ist kürzer, die Abende länger geworden, während sie beim Haarewaschen der Farbe auf ihrem Kopf mit Essig, Zitrone, und Kamille nachhilft, und später mit dem Tubenblond aus dem Drogeriemarkt. Sie korrigiert die Klassenarbeiten am Küchentisch, während nebenan im Schlafzimmer der Radiowecker klassische Musik spielt. Seit zwei oder drei Jahren schaltet sie beim Korrigieren die gelbe Lampe an der Decke aus und eine grüne Schreibtischlampe auf dem Küchentisch an. So wird das Zimmer kleiner. So kann sie die Hände in einer Lichtinsel ausstrecken und sich einbilden, gleich unter der Tischplatte gäbe es Trost. Frauen ab fünfunddreißig werden täglich in der Nacht heimgesucht von fünf Minuten der Angst, hat sie in einer dieser Zeitschriften für die Schönheit gelesen. Und: Kinderlosigkeit verursache Gefühlsverkalkung. Seitdem macht, was bislang normal gewesen ist, sie unsicher und beklommen: Der kurze Schulweg, schnelles Autofahren, die Dämmerung im Herbst, Kino, Einkaufen am Samstag mittag kurz vor Ladenschluß, die Männer an der Kasse hinter ihr.
Männer an sich.
Früher ist sie anders gewesen.
Sie hat von der Postkarte hochgeschaut. Auf dem Gartenweg lag eine vergessene Pflaume vom Herbst. Sie hat ihr Herz im Mund geschmeckt.
“Was hat der eigentlich gemacht, daß du so durcheinander bist?”
“Gelesen.”
“Und was?”
“Eine Novelle.“
“Und so was gefällt dir?” fragt Clemens. Erbeugt sich zu ihr, knöpft ihren Mantel auf, dann die Jacke, bis das V des Pulloverausschnitts frei liegt. Er beugt sich tiefer und küßt die Spitze des V, und küßt so genau sie.
„Hast du ganz vorn gesessen?“
Sie schiebt einen Daumen in seine Faust. Er wird den Moment verpassen, wo er nicht mehr jung ist.
Doch eine Art Liebesgeschichte, hat sie sich zwei Monate nach ihrer ersten Begegnung korrigieren müssen, während sie allein die Spülmaschine einräumte, weil er im Kino war. Sie hat dabei sein dunkles, hübsches, schweres Gesicht vor sich gesehen und mußte lächeln. Dieser Clemens, der ging auch in jeden Film, wenn nur das Plakat groß und bunt und die Handlung schlimm und simpel war. Wäre sie ein Film, er ginge nicht hinein. Aber sie ist sie. Außerdem ist es ihm egal, was sie sagt. Er nimmt ihr Reden nur als Musik auf. Mag ihre Stimme. Sie könnte auch den ganzen Tag tirililili sagen. Sie weiß seine Größe, sein Gewicht auf ihr, sie kennt sein Staunen danach, wenn er von ihr rollt. Ich lebe ja noch! Und schon hat er alles vergessen, geht zum Kleiderschrank, den er von der sparsamen Tante hat, um ein frisches kariertes Hemd anziehen, das bis zu ihr herüber nach dem Weichspüler seiner Mutter riecht. Wenn sie abends auf seinem Sofa liegt, hat sie einen Wedel seiner Zimmerpalme im Gesicht. Sie haßt Topfpflanzen. Sie zählt die Buchrücken in seinem Regal. Eins, zwei, drei: Le Carré, Stephen King, Englisch für Hochstapler, Mathematik für die Oberstufe, während Clemens mit dem Zeh in sie hinein geht und seine Augen schwarz werden und irgendwo in der Ferne an einem noch schwärzeren Riß entlang schauen, den er vorher noch nicht kannte. Mit dem Mund ist er schon wieder über ihr, wenn sie noch nicht alles gesehen hat: den Stapel Gesellschaftsspiele, die Stofftiere, Fotoalben, rustikale Aschenbecher und sieben häßliche Kerzenständer aus Kaufhausgold. Er richtet sich auf und nimmt ihr den Palmenwedel aus dem Gesicht.
Jetzt muß ich wegen dir früher sterben.
Warum?
Weil ich wegen dir nicht genug schlafe.
Seine Hände riechen nach Zahnpasta, wenn er das Haus, mit dem Hemd aus der Hose, verläßt, damit bloß jeder und vor allem die alte Tante sieht, er hat eine Frau da oben im Bett, die immer alles besser weiß und trotzdem wieder einschläft, einen Fuß in die Restwärme seiner Betthälfte hinübergestreckt. Unter dem Fenster fährt er die Autoantenne aus, um noch einmal auf sich aufmerksam zu machen.
“Und? Hast du dich ganz vorn hingesetzt?”
“Nein.”
“Warum nicht, vielleicht ginge es dir dann jetzt besser.”
“Alles besetzt, als ich kam.”
“Alles?”
“Ja, alles. Mit Damenschirmen.“ Sie beugt sich vor und sucht in ihrer Tasche herum. “Auf jedem Stuhl ein Damenschirm”, wiederholt sie.
Er lacht und legt seine Hand ganz unten auf ihren Rücken.
“Laß uns nach Hause fahren, da gibt es auch Bücher.”
“Aber nicht eines hat so eine Novelle wie seine.”
“Und so etwas Altmodisches gefällt dir?”
“Ich gefalle mir besser, wenn ich bei so etwas Altmodischem zuhöre.”
“Meinst du, du wirst vom Zuhören schöner?”
“Mann“, sagt sie da. Sie beugt sich zum ihm, will sein Gesicht mit dem Gesicht berühren. Er schaut weg.
„Der, der ist doch, der ist …” Er stockt.
Ortseingang Bischwiller. Eine Gruppe von fünf Tannen, ein Mann und eine Frau und Donnerstagnacht, die sich anfühlt, als sei Freitag. Er starrt auf den Papagei, sie auf die Gruppe Tannen. Dicht über dem Boden tauchen sie alles in grüne Nacht. Tannen sind schuld daran, daß manche Nächte nicht nur dunkel sind, sondern Gespenster.
„Wenn du jetzt einfach weiterfährst.”
„Klar fahre ich weiter”, sagt er,“ da kann auch der Papagei nichts machen.“
„Wenn du fährst, gehe ich zu Fuß nach Straßburg.”
„Das wirst du wohl müssen.“
„Ach komm”, sagt sie. Wieder starren sie sich an, jeder von seiner Seite des Lebens.
„Du willst wegen dem zurück. Der sitzt doch sicher noch da und schreibt für Frauen kurz vor der Menopause seinen Namen auf die erste Seite seines Romans.“
„Novelle, nicht Roman”, sagt sie. Noch immer stehen sie im Leerlauf. Leise drückt er den Fuß gegen das Gaspedal, leise, wie einer, der traurig geht.
„Der, der ist, der ist doch …” Er schaut sie unglücklich an. Es ist die Nacht vom 16. auf den 17. November.
„Du bist doch zu jung für den”, sagt er. “Und wer ist dieser Kerl überhaupt?”
Sie steigt aus. Schlägt die Tür. Er fährt, und sie steht da und hält sich an ihrer Handtasche fest. Er fährt einen Bogen um den Papagei und streift mit dem Scheinwerfer die Tannen. Sie hat den Klang ihrer eigenen Schritte im Kopf, wenn sie sonnabends als letzte über einen langen Flur das Schulhaus verläßt, der Hausmeister hinter ihr her fegt und ruft: Schönes Wochenende, Mademoiselle Brion,und sie antwortet: Bis Montag, Monsieur Berger.Und der Besen von Monsieur Berger trifft sie beinahe an der Ferse, wenn sie vor ihm her durch den langen Schulflur läuft. Sie verläßt das Schulhaus Richtung Osten. Das Haus, in dem sie wohnt, liegt am Rand des Dorfes. Auf dem Weg dorthin kommt sie jeden Tag am Haus ihrer Eltern vorbei, wo die Blumen großzügig über den Zaun wuchern. Fedes einziger Schlüssel paßt überall in ihrem Apartmenthaus, unten in die Haustür, oben in ihr Wohnschließfach. Er paßt zu Keller, Waschküche, Speicher und Fahrradraum. Im Zimmer steht ein englisches Metallbett, neunzig Zentimeter breit, ein Vertiko, ein Videorekorder, ein Computer, ein türkisches Teetischchen mit vier alten Holzstühlen von daheim, ein lila Sofa, und der Toilettendeckel ist schwarz. Dort im Bad stellt sie die Tuben mit der Aufschrift Für Reife Haut mit der Aufschrift zur Wand, wenn Besuch kommt. Anziehsachen und Schuhe hat sie im Flur, von wo aus auch die Küche, zwei Schritte breit und drei lang, abgeht. Auf dem Küchentisch steht der Computer. Im Schlafzimmer, mehr eine Kammer, hat sie ihr Archiv, einen kleinen Kopierer und alle Bücher, die sie in den letzten fünfzehn Jahren für die Schule brauchte. Es gibt in der ganzen Wohnung kein Muster, außer den Teerosen an der Sofawand. Die Tapete hat sie ehrgeizig ausgesucht. An manchen Sonntagnachmittagen zählt sie die Rosen, auf dem Rücken liegend, nach. Gelb, gelb, gelb. Und manchmal wählt sie dann eine Telefonnummer. Seit einem halben Jahr ist es die von Clemens.

Fede dreht dem Ortseingangsschild Bischwiller energisch den Rücken zu und läuft die Landstraße entlang Richtung Straßburg. Ein leidenschaftliches und lächerliches Unternehmen. Der Mond beleuchtet es. Die Novembernacht ist windig und schauerlich. Es ist die Nacht der Leoniden, die sich nur alle dreiunddreißig Jahre so prächtig zeigen. Sternsplitter stürzen wie Regen auf die Erde zu. Ihr enger Rock spannt sich bei jedem Schritt. Natürlich ist sie nicht mehr ganz bei Trost, in ihrem Kopf lassen sich Fühlen, Denken und Erinnern nicht mehr voneinander unterscheiden. Sie muß sich beeilen. Sie muß ihn noch einmal sehen. Sie hat so viele Erinnerungen. Aber was will sie ihn fragen? Einzelheiten soll er ihr erklären, beschließt sie, nichts Grundsätzliches. Warum auf der letzten Postkarte zum Abschied Pfingstrosen waren? Ein Bündel unbefangener Pfingstrosen im September? Warum er ihr jetzt wieder geschrieben hat, wieder so eine alberne Blumenkarte, mit der Einladung, zu seiner Lesung zu kommen. Nach all den Jahren. Warum? Denn solche Einzelheiten halten das Ganze zusammen. Wenn sie sorgfältig miteinander sprechen, mag danach nicht alles gut, aber einiges besser sein. Sie geht so schnell, kaum daß ihr Schutzengel ihr folgen kann. Als sie ein Motorengeräusch in ihrem Rücken hört, hebt sie die Handtasche, damit Clemens sie auch sieht.
Ein Taxi bremst scharf neben ihr.
„Warten Sie einen Moment.” Sie zögert.
“Warten Sie”, sagt sie noch einmal und ihr Ton hat sich geändert, “ich muß mal eben.”
Sie verschwindet hinter einem Baum, Der Taxifahrer läßt den Motor laufen und schaltet die Uhr ein.

2.
„Sesenheim kenne ich”, sagt der Taxifahrer, während sie Richtung Straßburg fahren, und sie, in den Rücksitz schräg hinter ihm gedrückt, nickt.
„Wegen Goethe, aber eigentlich ist Sesenheim nur eine Fleck an der Moder, wo die Frauen die Wäsche zu lange draußen hängen lassen. Übrigens, darf man hier rauchen?“
Er nickt in den Rückspiegel und sucht ihre Augen und hält ihren Blick fest. Ein Blick, länger als drei Sekunden, ist ein Kontakt.
„Ich weiß nicht, wie die Frau damals in Sesenheim hieß”, sagt er.
“Welche?”
“Na die von Goethe. Er soll doch da mal eine gehabt haben.“
Fede schweigt, dreht das Fenster herunter, wirft die Kippe raus. Denkt an Clemens Denkt an den Papagei. Und denkt an noch was.
„Mathilde”, sagt sie, “sie hieß Mathilde.”
“Die von Goethe?” Der Taxifahrer wiegt den Kopf. “Sind Sie da sicher?”