Buchtipp zu Weihnachten (3)

DREI              

Dror Mishani

Diogenes Verlag 2020

Der Plot in drei Teilen fiel dem Schriftsteller Dror Mishani im Flugzeug ein. Als er ausstieg, wusste er, jeder der drei Teile wird aus der Perspektive einer anderen Frau erzählt: Orna, Emilia, Ella. Alle drei  treffen an einem Punkt ihres Lebens, der nicht gerade einfach ist, den gleichen verständnisvollen Mann Gil. Dieser Rechtsanwalt ist kein viriler Verführer, aber auch kein zuverlässiger Erlöser, merkt man beim Lesen bald. Orna, Emilia und Ella ähneln einander in ihrem Hunger nach Sinn und fallen deswegen in die weichen Hände Gils.

Wie Patricia Highsmith vermeidet der Schriftsteller Dror Mishani es, mit Küchenpsychologie am Naheliegenden entlang zu schreiben. Alles, auch die unglaublichsten Wendungen im Verlauf des Geschehens, finden in der Konfrontation mit der Logik eines großstädtischen Alltags in Tel Aviv statt.

Wer genau liest, leidet schon früh mit, bekommt Angst, auch vor den eigenen Phantasien. Mishano konfrontiert Leseerfahrung und Lebenserfahrung miteinander. Während Ornas Exmann mit zweiter Frau  aus Deutschland und deren vier Kindern eine neues Leben anfängt, versucht Orna, Mutter eines Sohns und Ende dreißig, mit Gil einen Alltag aufzubauen. Die Beziehung endet in Bukarest mit einer Szene im Hotel, die die Nerven beim Lesen auf eine Zerreißprobe stellt.

Im zweiten Kapitel trifft Emilia auf Gil. Ihre Gutgläubigkeit ihm gegenüber wird jetzt flankiert von der Wachsamkeit der Leserinnen und Leser, die die Geschichte Ornas bereits kennen. Somit ist Orna bei allem, was ab jetzt passiert, mit dabei. Emilia ist Mitte vierzig, Pflegekraft aus Riga und zum Geldverdienen nach Israel gekommen. Sie betreut Gils Vater, der auch nach seinem Tod immer wieder als Erscheinung im Türrahmen steht, für sie, Emilia, die ein gläubiger Mensch ist. Dass dieser Vater eigentlich nicht tot ist, sondern nur die Räume gewechselt hat und durch Tagträume geht, ist für die Frau aus dem Osten eine metaphysische Selbstverständlichkeit. Emilia besucht regelmäßig den katholischen Gottesdienst und in der Sakristei den Priester Tadeusz. Zu ihm hat sie in dem fremden Land ein Verhältnis wie zu einem Schutzengel. Emilia fängt an, für Gil zu putzen. Auch sie umwirbt er auf seine bescheidene, geduldige, fast unmännliche Art. In seinem Kleiderschrank findet sie beim Saubermachen eine Sammlung von Zeitungsausschnitten zum Tod einer Israelin in Bukarest. Ihr erstes Misstrauen erstickt der Wunsch nach Zugehörigkeit zu diesem weichen, warmen Mann.

Gerade an dieser vereinsamten, benutzbaren Frau aus Lettland wird deutlich, was an „Drei“ typisch israelisch ist. Es die Grausamkeit, die der Roman als Alltag beschreibt. Emilia hat  – anders als Orna und später Ella  – einen ängstlichen Blick auf diese schnelle, junge, moderne Stadt Tel Aviv am Meer, die in einem ständigen Kriegszustand lebt, und in der – so beschreibt es der Autor Dror Mishani in einem Interview – eine Normalisierung und Rationalisierung von Gewalt und Tod stattfindet.

Orna und vor allem Ella, die dritte Affäre des verheirateten Rechtsanwalts, der zu oft nach Bukarest fährt, nehmen diese Gewalt als Alltagsgegebenheit hin. Emilia aber weiß um die Verantwortung für das Leben über den Tod hinaus. Diese Art von Verantwortung markiert in „Drei“ eine Forderung. Denn von einer emotionalen Erfahrung wird hier erzählt, die zur Zeitgenossenschaft auffordert. Im dritten Kaptitel vereinen sich die Stimmen Ornas und Emilias, die schon zu den Fischen gegangen sind, mit Ellas rastlosen investigativen Fragen im Fall Gil, bis sich aus dem weichen der wüste Mann hat schälen lassen.