Buchtipp zu Weihnachten (2)

Katja Oskamp

MARZAHN MON AMOUR                         

Hanser Berlin 2019

Die Schriftstellerin Katja Oskamp, geboren  1970 in Leipzig, hat dort am Deutschen Literaturinstitut studiert. Bisher wurden von ihr der Erzählungsband „Halbschwimmer“ und die Romane „Die Staubfängerin“ und „Hellersdorfer Perle“ veröffentlicht. In ihrem soeben erschienenen Buch „Marzahn Mon Amour“ erzählt sie von einer Schriftstellerin namens Oskamp und der Angst, auf der Hälfte des Lebens in der Mitte eines großen Sees unterzugehen, ohne Ton und ohne Grund. 2015 hat diese Oskamp, von der Oskamp erzählt, in Marzahn bei einer von ihr bewunderten ehemaligen Fitnesstrainerin auf der Massageliege gelegen, hat in das Loch für die Nase hinein von einer soeben abgelehnten Novelle, einer strapazierten Ehe und der Tochter, die flügge wird, erzählt. Die ehemalige Fitnesstrainerin, jetzt Inhaberin eines Schönheitssalons hat still zugehört und am Ende gesagt: Fang bei mir als Fusspflegerin an. So ist dann alles gekommen. Und ein gutes Buch ist dabei herausgekommen, ein Buch auch für jene, die zwischen Latte Macchiato, gesunder Ernährung und verwöhnten Kindern vergessen, dass es anderes Leben jenseits ihrer schicken Existenz gibt, in dem auch das Rauchen noch nicht verboten ist. Die Erzählerin Oskamp, die von den Füssen her zu ihren Kunden aufschaut, hat Portraits dieser Menschen im Salon geschrieben. In Rente sind sie oft, sind ehemalige DDR Funktionäre, Plattenbau-Bewohner. Manchmal ist auch ein Schöner dabei wie der Fritz, geboren in einer  Artistenfamilie. Von der Mutter hat er die Anmut und vom Vater die schönen wie standfesten Füße geerbt, in die die Fusspflegerin Oskamp sich verliebt. Die Erzählerin Oskamp verliebt sich in die Geschichte dazu. Ein Schönheitssalon wird zum Schreibzimmer. Denn es sind die Füsse, diese stummen Zeugen, die so bleich und verbraucht, so hilflos weich, so schuppig und stinkig vom Leben und Arbeitsleben ihrer Träger, von ihrem Können und Kummer, ihrer Haltung und ihrer Haltlosigkeit berichten. Oskamp kann die Stimme der Füsse hören, deren Fehltritte lesen, mitten in dieser Plattenbausiedlung im Berliner Osten, wo die Strassen sehr breit, die Flächen zwischen den hohen Häusern sehr grün und die Mieten bezahlbar sind, und wo das Leben für mehr als nur manche eine Heimat im achtzehnten Stock nah dem Himmel und nah den Fledermäusen in der Dämmerung sein mag. Marzahn, mon amour eben.